Interview: Klimarobuste Agroforstbäume in dürregefährdeten Regionen standortangepasst etablieren und bewirtschaften

,

Leonie Steinherr beim Pflanzen

Anke Hahn | 09.06.2026

Wie lassen sich Agroforstsysteme auch unter klimatischen Extrembedingungen erfolgreich etablieren? Im dreijährigen Forschungsprojekt Klim-Agrargehölze an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) werden auf Betrieben mit unterschiedlichen Standortbedingungen verschiedene Baumarten, Sorten und Pflanzqualitäten getestet. Ziel ist es, belastbare Empfehlungen für eine klimaresiliente und risikominimierte Gehölzetablierung zu entwickeln und damit die langfristige Leistungsfähigkeit von Agroforstsystemen zu stärken. Wir wollten mehr über das Projekt wissen und haben mit Leonie Steinherr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Agrarökologie und nachhaltige Anbausysteme an der HNEE, gesprochen.

Was hat euch dazu bewegt, ein Projekt zur Erforschung von explizit klimaresilienten Baumarten zu beantragen?

Leonie Steinherr: Die HNEE hat 2017 im Löwenberger Land (Brandenburg) ein Agroforstsystem mit verschiedenen Werthölzern als Lehr- und Lernort gepflanzt – unmittelbar vor den extremen Dürrejahren 2018 bis 2022. Viele Bäume hatten in dieser Zeit große Probleme beim Anwachsen, erlitten Trockenschäden oder gingen ein. Ähnliche Beobachtungen haben auch Praktiker:innen an uns herangetragen.

Wenn Betriebe sich bewusst für Agroforst entscheiden, Aufwand und Kosten für Pflanzung und Pflege auf sich nehmen und die Gehölze dann bereits nach ein bis zwei Jahren ausfallen, ist das ein großes Risiko. Genau hier sehen wir Forschungsbedarf: Welche Baumarten kommen mit langanhaltenden Trockenperioden, insbesondere Frühjahrstrockenheit, und den Extrembedingungen auf Ackerstandorten zurecht? Und welchen Einfluss haben Pflanzqualität und Anzuchtverfahren aus der Baumschule? Gerade auf den sandigen Böden Brandenburgs und Sachsen-Anhalts, die Wasser nur schlecht speichern, sind diese Fragen besonders relevant.

Welche Zielgruppen hat das Projekt?

Leonie: Wir richten uns an landwirtschaftliche Praktiker:innen, Agroforstinteressierte, Berater:innen und das Baumschulwesen. Anhand der Untersuchungen im Projekt möchten wir Erkenntnisse für die erfolgreiche Etablierung von Gehölzen im Agroforst gewinnen – mit dauerhaft gesunden Beständen, stabilen Zuwächsen und möglichst wenig Nachpflanzungen.

Für Betriebe bedeutet das eine bessere Planbarkeit und geringere Ausfallrisiken. Für Baumschulen stellt sich die Frage, wie unter Marktbedingungen robuste Jungbäume mit möglichst intaktem Wurzelsystem erzeugt werden können. Hier wollen wir untersuchen, welche Anzuchtverfahren sich in der Praxis bewähren.

Welche Standorte habt ihr für eure Versuchspflanzungen ausgewählt und warum?

Leonie: Wir arbeiten bei den Praxisversuchen mit drei landwirtschaftlichen Betrieben zusammen. Deren Flächen liegen alle im ostdeutschen Trockengebiet mit weniger als 600 mm Jahresniederschlag, unterscheiden sich aber deutlich in ihren Bodenverhältnissen. Dadurch können wir unsere Ergebnisse unter sehr unterschiedlichen Standortbedingungen vergleichen. Unsere Partner sind: Biohof Kepos (Heinrichsfelde/Rheinsberg, sandiger Lehm, 35–40 Bodenpunkte), Warnke Agrar (Cobbel/Altmark, steinreiche Sandböden, 18–30 Bodenpunkte), Sonnengut Gerster (Dietrichsroda, Burgenlandkreis, Lehm/Löss, 65–70 Bodenpunkte).

Mit Hilfe welcher partizipativen Formate bindet ihr Landwirtinnen und Landwirte in das Projekt mit ein? Was nehmen diese daraus mit?

Leonie: Die Projektumsetzung findet in enger Zusammenarbeit zwischen Hochschule und den drei kooperierenden Betrieben statt. Alle wissenschaftlichen Versuche finden unter realen Bewirtschaftungsbedingungen nach dem Reallabor-Ansatz statt Das ist methodisch anspruchsvoll, weil in der on-farm-Forschung viele Einflussfaktoren weniger kontrollierbar sind. Gleichzeitig macht genau das die Ergebnisse besonders praxisnah und gut auf andere Betriebe übertragbar.

Bereits in der Planungsphase war der Austausch mit Praktiker:innen zentral. Vor Beginn der Versuche haben wir eine ausführliche Umfrage unter Höfen in Ostdeutschland durchgeführt, die unsere Zielbaumarten – Walnuss, Esskastanie und Maulbeere – bereits im Agroforstsystem gepflanzt hatten. Dabei ging es um Erfahrungen bei Etablierung, Pflanzung und Pflege. Diese Rückmeldungen sind direkt in die Versuchsplanung eingeflossen und werden zusätzlich in einem Leitfaden für andere Betriebe aufbereitet.

Die Projektergebnisse fließen kontinuierlich in Lehre und Praxistransfer ein. Erste Erfahrungen zum Walnussanbau in Ostdeutschland konnten wir beispielsweise bereits auf der Walnusstagung 2026 mit Praktiker:innen diskutieren. Ergänzend haben wir zur Pflanzung ein Video erstellt, das wichtige Erkenntnisse zur fachgerechten Etablierung junger Gehölze bündelt. Ziel ist es, Betrieben konkrete und anwendbare Erkenntnisse an die Hand zu geben, damit zukünftige Pflanzungen robuster geplant werden können und Ausfälle möglichst reduziert werden.

Ihr befindet euch gerade noch in der ersten Hälfte der Projektlaufzeit. Gibt es schon erste Erkenntnisse zur erfolgreichen Gehölzetablierung und optimalen Gesundheit der Pflanzbestände, die ihr gewinnen konntet? Was müssen Landwirt:innen konkret beachten, wenn Sie klimarobuste Agroforstsysteme etablieren möchten?

Leonie: Wir erforschen drei Arten, die sich vorab als spannende Kandidaten für klimarobuste Gehölze herausgestellt haben: die Walnuss, die Maulbeere und die Esskastanie. Erste Ergebnisse der Umfrage mit 19 Agroforstbetrieben aus Ostdeutschland ergaben, dass die Walnuss trotz trockener Jahre überwiegend sehr gut angewachsen ist. Wir sind gespannt, ob sich das auch bei unseren Praxisversuchen bewährt. Die Esskastanie ist anspruchsvoller, bspw. was den pH-Wert des Bodens angeht. Außerdem ist ein passender Schutz vor Verbiss, Fegeschäden und Wühlmäusen oftmals entscheidend.

Daneben spielt die Pflanzqualität – insbesondere die Wurzelentwicklung junger Gehölze – eine zentrale Rolle. Deshalb vergleichen wir aktuell wurzelnackte Ware, Topfware und Airpruning-Ware (Luftwurzelschnitt). Unsere Hypothese ist, dass im Airpruning angezogene Bäume weniger Wurzelschäden aufweisen und dadurch besser anwachsen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Was können Politik und Verwaltung vor dem Hintergrund einer stärkeren Förderung von Agroforstwirtschaft als Klimainstrument von eurem Projekt lernen?

Leonie: Der Klimawandel erfordert ein Umdenken in der Landschaftsgestaltung. Längere Trockenphasen und zunehmende Extremwetterereignisse zeigen, dass strukturreiche Agrarlandschaften wieder wichtiger werden. Agroforst kann hier einen wichtigen Beitrag leisten – etwa durch Schutzwirkungen, Mikroklimaeffekte und langfristig resilientere Produktionssysteme.

Gleichzeitig braucht es mehr Forschung und Praxiserfahrungen: Welche Baumarten funktionieren unter Trockenstress? Welche Anzuchtmethoden bewähren sich? Politik und Verwaltung können dazu beitragen, indem sie Agroforstsysteme unbürokratischer fördern und Forschungs-, Beratungs- sowie Wissenstransferstrukturen langfristig stärken.

Kontakt: Leonie Steinherr, leonie.steinherr(at)hnee.de

Link zur Projekt-Website