Leon Bessert | 10. Juli 2026
Das ebenfalls im Bundesprogramm biologische Vielfalt geförderte Projekt „Gezielte Insektenförderung für die Landwirtschaft“ untersuchte die Anlage und Funktion von Nützlingsblühstreifen (NüBS) zur Förderung von Nützlingsinsekten und deren Beitrag zur natürlichen Schädlingsregulierung. Das Projekt ist im Juli 2026 ausgelaufen. Bei der Abschlussveranstaltung Ende Juni in Nossen (Sachsen) wurden zentrale Ergebnisse dieses Projekts sowie weiterer Vorhaben aus dem Förderkontext, darunter SEBAS, vorgestellt.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Integration von Nützlingsblühstreifen in Agrarlandschaften sowohl die Artenvielfalt als auch die Abundanz von Insekten erhöht und damit einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des seit Jahrzehnten anhaltenden Insektenrückgangs leisten kann. Gleichzeitig wurde betont, dass landwirtschaftliche Betriebe auf praktikable, attraktive und langfristig angelegte Förderinstrumente angewiesen sind. Insbesondere die Dauer der Maßnahmen ist entscheidend, damit Blühstreifen ihre volle ökologische Wirkung entfalten können.
Ein Beispiel hierfür wäre, die Kombination von Förderung der Blühstreifen entlang von Gehölzstreifen in Agroforstsystemen mit der Förderung der Gehölzstreifen bzw. des Agroforstsystems selbst zu ermöglichen. Dies ist in der aktuellen Struktur der Öko-Regelungen nicht möglich. Darüber hinaus besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich geeigneter Blühmischungen für Agroforstsysteme, da Beschattung durch Gehölze einen wesentlichen Einflussfaktor darstellt. Ergebnisse aus dem Projekt SEBAS zeigen zudem, dass auch selbstbegrünende Blühstreifen ohne Einsaat entlang von Gehölzstreifen einen deutlichen Mehrwert für verschiedene Insektengruppen bieten können.
Offene Fragen bestehen weiterhin hinsichtlich der konkreten Wirkung geförderter Nützlinge auf spezifische Schaderreger in unterschiedlichen Kulturen. Am Beispiel des Rapserdflohs wird deutlich, dass zwar ein regulierender Effekt durch Nützlinge plausibel ist, belastbare Nachweise jedoch noch ausstehen. Entsprechende Exaktversuche sind aufwendig, weshalb bisher vor allem die grundsätzliche Förderwirkung von Blühstreifen und Agroforstsystemen auf Nützlingspopulationen untersucht wurde – mit zunehmend klaren positiven Ergebnissen.
Das Thema Förderung von Nützlingen durch Agroforstsysteme wurde bereits in einigen wissenschaftlichen Untersuchungen beforscht. Analysen zweier solcher Studien finden sich in Klartext Forschung #8 und Klartext Forschung #9.
Im Folgenden sind die Präsentationsfolien der Veranstaltung mit der Ergebnissen abrufbar:
- Überblick über das Projekt
- Gezielt Nützlinge fördern: Neue Strategien für einen effektiven biologischen Pflanzenschutz
- Erfahrungsbericht Anlage und Pflege von Blühstreifen / Blühflächen
- Praxisbeispiel Saat-Gut Plaußig
- Ergebnisse des Monitorings I
- Ergebnisse des Monitorings II
- Blühstreifen im Pflanzenschutz: Attraktivität für Nützlinge und Wirkung auf Blattläuse
- SEBAS: Förderung der biologischen Vielfalt durch Agroforstwirtschaft

Keynote von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer bei der Tagesspiegel Background Fachkonferenz Agrar & Ernährung © Tagesspiegel | Laurin Schmid
Isabelle Frenzel & Leon Bessert| 09.07.2026
Fachkonferenz Agrar & Ernährung: Resilienz und Agroforst im Fokus
Wie bleibt unsere Ernährung auch in Zeiten multipler Krisen gesichert? Diese Frage stand im Zentrum der Fachkonferenz „Agrar & Ernährung“ von Tagesspiegel Background, die Anfang Juli 2026 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Praxis in Berlin zusammenbrachte. Ein Begriff zog sich durch nahezu alle Debatten: Resilienz – und dabei fiel auch ein Stichwort, das dem Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF) e.V. besonders am Herzen liegt: die Agroforstwirtschaft.
Resilienz und die neue GAP als Leitthemen
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, extreme Situationen ohne bleibende Schäden zu überstehen und ist für Agrarlandschaft sowie Ernährungssicherung essentiell. Intensiv diskutiert wurde die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP): Gefragt ist beides zugleich – die Honorierung von Gemeinwohlleistungen wie Klima-, Wasser- und Biodiversitätsschutz und eine Grundsicherung der landwirtschaftlichen Produktion, um Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und den Selbstversorgungsgrad zu stärken. Konkret gefordert wurden ein verbindliches Mindestbudget für Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen sowie ein eigenständiges Agrar-Budget in der GAP.
Agroforst als zentrale Klimamaßnahme
In der Podiumsdiskussion wurde die Agroforstwirtschaft ausdrücklich als eine der wichtigsten Klimamaßnahmen in der Landwirtschaft genannt. Gehölze auf Acker und Grünland verbinden produktionsorientierte Landwirtschaft mit Klimaschutz und Biodiversität – sie speichern Kohlenstoff, schützen vor Erosion und stabilisieren Erträge.
Der Workshop: Hemmnisse und Lösungswege
Wenngleich Agroforst als produktionsintegrierte Klimamaßnahme in der Landwirtschaft in aller Munde ist, klafft nach wie vor eine große Lücke zwischen Potenzial und Praxis: Es hapert noch an hinreichender Förderung und tragfähigen Business-Cases, weshalb die Skalierung stockt.
Genau hier setzte der vom DeFAF gestaltete Workshop „Agroforstsysteme als Chance für Produktion, Klimaschutz und Klimaanpassung“ an. Die Teilnehmenden priorisierten per Live-Abstimmung vier zentralen Hemmnisse für die Skalierung:
- Bürokratische und unzureichende Anlagen- und Bewirtschaftungsförderung
- Naturschutzrechtliche Hürden und hoher Genehmigungsaufwand
- Mangelnde langfristige Rechtssicherheit
- Wissenslücken und unklare Zuständigkeiten in den Behörden
Als relevantestes Hemmnis wurde die bürokratische und unzureichende Förderung identifiziert. Die Folgen: Wo verlässliche Förderung fehlt, entstehen vor allem in der Startphase von innovativen Bewirtschaftungsformen wie Agroforst kaum Projekte – zumal Agroforstsysteme langfristige Investitionen sind, die sich erst über Jahre amortisieren. Als Lösungswege diskutierten die Teilnehmenden vor allem die langfristige Wirtschaftlichkeit als Grundlage, eine gezielte Honorierung von Gemeinwohlleistungen sowie das Zusammenspiel entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Förderung über die Nutzung bis zur Kommunikation.
Dass diese Lösungswege nicht theoretisch bleiben, zeigen zwei laufende, vom DeFAF koordinierte Vorhaben: MODEMA baut ein bundesweites Modell- und Demonstrationsnetzwerk für Agroforstwirtschaft auf und bringt die Systeme mit rund 30 Betrieben sichtbar in die Fläche; EELAP verankert agrarökologische Praktiken in regionalen „Living Labs“ und nimmt dabei politische Rahmenbedingungen und Wertschöpfungsketten in den Blick.
Fazit: Resilienz braucht Agroforst – und verlässliche Rahmenbedingungen
Die Fachkonferenz hat bestätigt, was der DeFAF seit 2019 vertritt: Agroforstsysteme sind ein Schlüssel für eine resiliente, klimaangepasste und zugleich produktive Landwirtschaft. Damit dieses Potenzial in der Praxis realisiert werden kann, müssen die politischen Rahmenbedingungen nachziehen – mit praxistauglicher Förderung sowie einem sicheren Rechtsrahmen, tragfähigen Business-Cases und einer GAP, die Gemeinwohlleistungen honoriert und die Produktion absichert.
Zur Veranstaltung: Fachkonferenz Agrar & Ernährung von Tagesspiegel Background
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Die Förderung des MODEMA Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) im Rahmen des Förderprogramms „Nachhaltige Erneuerbare Ressourcen“.
Dr. Steffi Schillem | 29.06.2026
Dieser Deutsche Landschaftspflegetag vom 23.-25. Juni 2026 „war heiß“
…“heiß an Celsius und heiß an Themen“, so Maria Noichl, Vorstandsvorsitzende des DVL e. V.
Der Deutsche Landschaftspflegetag 2026 fand vom 23. bis 25. Juni 2026 unter dem Motto WERT. VOLL. LANDSCHAFT in Kassel und Schauenburg mit rund 250 Teilnehmenden statt. Im Fokus standen Themen wie Bioökonomie, Beweidung, neue EU-Agrarpolitik (GAP ab 2028) und die Praxis von Agroforstsystemen (AFS).
„Der Landschaftspflegetag machte deutlich, dass Agroforstsysteme ein großes Potenzial für die klimaangepasste Landwirtschaft bieten, insbesondere an solch heißen Tagen – zugleich aber weiterhin praktische, rechtliche und ökonomische Fragen zu klären sind.“ Dr. Steffi Schillem, Zentralkoordinatorin des DeFAF-Projekts MODEMA
Im Fachforum „Agroforst in der Praxis – Wie kann sich das lohnen?“, moderiert von Corinna Friedrich (DVL), wurde das Verbundvorhaben MODEMA als derzeit größtes Agroforstprojekt Deutschlands vorgestellt. Tobias Hoppe (Bioland Praxisforschung GmbH) zeigte anhand verschiedener Praxisbeispiele, wie vielfältig AFS ausgestaltet werden können. Die Wahl geeigneter Baumarten sowie die Ausgestaltung der Systeme hängen dabei maßgeblich von Standortbedingungen wie Wasserverfügbarkeit oder Winderosion sowie von den angestrebten Nutzungen – etwa Energieholz, Wertholz oder Nüsse – ab. Auch die aktuellen Fördermöglichkeiten standen im Fokus.
Dr. Steffi Schillem gab einen Überblick über den Projektstand von MODEMA mit aktuell 36 Betrieben in drei Modellregionen sowie den begleitenden Geschwisterprojekten. (LINK VORTRAGSFOLIEN) Erste Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede bei den Investitionskosten, insbesondere abhängig von Baumarten und Pflanzverfahren. Gleichzeitig wird ein hoher Anteil an Eigenleistungen in den Betrieben deutlich. Die Begleitforschung belegt zudem positive Effekte von AFS, darunter eine Reduktion der Windgeschwindigkeit um mehr als 50 Prozent, verringerte Verdunstung, niedrigere Bodentemperaturen sowie eine Zunahme der Regenwürmer, insbesondere in den Gehölzstreifen.
Einblicke in die betriebliche Praxis gaben die Projektlandwirte Eicke Zschoche (per Video) und Henning Rehren. Spannend war, dass die Motivation der Landwirte meist die Verbesserung bzw. der Erhalt der Produktionsbedingungen an den Klimawandel waren und dann erst die Wertschöpfung. Henning Rehren berichtete über Erfahrungen bei der Anlage von Agroforstsystemen mit Walnuss, Pappel und Ölweide, die vielfach bereits vor der Definition von AFS in der GAPDZV in Eigenleistung und mit Unterstützung aus dem lokalen Umfeld umgesetzt wurden.
Den Abschluss bildete ein ausführlicher Beitrag zu Produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahme mit Agroforstsystemen, den Herausforderungen, Chancen und Erfahrungen insbesondere am Beispiel des Tauchnitzgrabens in der Gemeinde Thallwitz durch Frank Wagener (IfaS).
Am zweiten Veranstaltungstag standen Exkursionen zu Praxisstandorten im Mittelpunkt. Auf der Domäne Frankenhausen wurden unter anderem Streuobstränder sowie ein Alley-Cropping-System mit Walnuss, Haselnuss und Johannisbeeren vorgestellt. Ein weiterer Standort zeigte Herausforderungen beim Anbau von Weiden auf feuchten, tonigen Grünlandstandorten, insbesondere hinsichtlich Pflege und Etablierung. In Vellmar wurde zudem die Umsetzung kommunaler Streuobstprojekte im Rahmen der GAK-Förderung vorgestellt, die einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität und Biotopvernetzung leisten.
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Die Förderung des MODEMA Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) im Rahmen des Förderprogramms „Nachhaltige Erneuerbare Ressourcen“.
Über das Projekt agroforst-monitoring der Uni Münster finden deutschlandweit Langzeituntersuchungen in Agroforstsystemen statt – nun auch auf den Flächen der Branitzer Baumuiversität in Cottbus und dem Landwirtschaftsbetrieb Domin in Peickwitz bei Senftenberg. Sebastian Wiesner, FÖJler beim DeFAF, begleitete die Erhebungen vor Ort, die im Mai und Juni ihren Auftakt hatten. Sowohl Peickwitz als auch Cottbus zählen zu den neu aufgenommenen Standorten des Agroforst-Monitoring-Netzwerks.
Während an vielen Standorten bereits Lokalgruppen aktiv sind, wurde in Peickwitz ein anderer Ansatz gewählt: Vom 19. bis 22. Mai wurden mehrere Schulklassen zu Exkursionen in ein neu angelegtes Agroforstsystem eingeladen. An drei verschiedenen Stationen konnten die Schülerinnen und Schüler selbst wissenschaftlich tätig werden. Zu ihren Aufgaben gehörten die Auswertung von Laufkäferfallen, die Erfassung verschiedener Pflanzenarten sowie die Pflege eines jungen Pappelstreifens durch die Entfernung von Beikräutern.
Die jungen Forschenden konnten zahlreiche Laufkäferarten nachweisen und entdeckten darüber hinaus Erdkröten, die sich in den Fallen befanden. Solche Funde verdeutlichen die Vielfalt der Tierwelt, die bereits auf jungen Agroforstflächen anzutreffen ist.
Auch am Standort Cottbus wurden zwischen dem 4. und 7. Juni umfangreiche Erhebungen durchgeführt. Die Untersuchungsflächen befinden sich am Rand des Branitzer Parks auf dem Gelände der Branitzer Baumuniversität. Im Vergleich zu Peickwitz wurden hier deutlich weniger Laufkäfer, dafür jedoch wesentlich mehr Begleitpflanzen festgestellt. Solche Unterschiede verdeutlichen, wie stark die Biodiversität von den jeweiligen Standortbedingungen und Flächeneigenschaften beeinflusst wird.
Gleichzeitig ist zu beachten, dass beide Standorte in diesem Jahr erstmals untersucht wurden. Belastbare Aussagen über die langfristige Entwicklung der Artenvielfalt lassen sich daher erst nach mehreren Jahren kontinuierlicher Datenerhebung treffen. Ergänzend zu den Standarderhebungen wurden in Cottbus außerdem Kartierungen von Fledermäusen, Wildbienen und Schmetterlingen durchgeführt.
Biodiversität als Grundlage wertvoller Ökosystemleistungen
Viele der erfassten Tierarten übernehmen wichtige Funktionen innerhalb landwirtschaftlicher Ökosysteme. Zahlreiche Laufkäferarten ernähren sich beispielsweise von Schadinsekten und können damit einen natürlichen Beitrag zum Pflanzenschutz leisten. Andere Insekten, insbesondere Wildbienen und weitere Bestäuber, sind für die Bestäubung zahlreicher Kultur- und Wildpflanzen unverzichtbar. Agroforstsysteme können die Anzahl dieser Insekten in der Agrarlandschaft teilweise erheblich steigern.
Auch der DeFAF trägt maßgeblich zur Erforschung dieser Zusammenhänge bei. Im Rahmen des Projekts SEBAS wird untersucht, wie sich Biodiversität erhalten und fördern lässt, um langfristig stabile Ökosystemleistungen zu gewährleisten. Auch mit agroforst-monitoring wird in diesem Rahmen zusammen gearbeitet, z.B. am Standort Beelitz auf dem Landwirtschaftsbetrieb von Thomas Seehaus.
Darüber hinaus zielt das europäische Projekt EELAP durch die Arbeit in sogenannten Reallaboren darauf ab, die Agroforstwirtschaft auf regionaler Ebene zu verbreiten und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft und Gesellschaft zu stärken. Dazu gehört auch, erfolgreiche Ansätze für die Einbindung von Mitmenschen in die Verbreitung von Agroforstsystemen einzubinden.
Gemeinsam forschen für mehr Wissen über Agroforstsysteme
Agroforst-monitoring, ein seit 2020 laufendes Citizen-Science-Projekt des Instituts für Landschaftsökologie der Universität Münster, verfolgt das Ziel, die ökologischen, klimatischen und landwirtschaftlichen Auswirkungen von Agroforstsystemen wissenschaftlich zu erfassen. Die diesjährige Sommersaison der gemeinsamen Feldtage wird von der Projektkoordination begleitet und findet vom 14. Mai bis zum 21. Juni 2026 an verschiedenen Standorten in Deutschland statt.
Zu Beginn jeder Veranstaltung erhalten die Teilnehmenden eine Einführung in die Methoden und Ziele des Projekts. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung von Artenkenntnissen sowie auf der standardisierten Durchführung der sogenannten Kernmethoden. Dazu zählen unter anderem die Erfassung von Laufkäfern, Hummeln, Wildbienen, Schmetterlingen und der Begleitflora in unterschiedlichen Entfernungen zu den Agroforststreifen.
Darüber hinaus stehen Anleitungen für weitere Untersuchungsmethoden zur Verfügung, die von den Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern zusätzlich durchgeführt werden können. Hierzu gehören beispielsweise die Erfassung von Brutvögeln und Fledermäusen sowie Untersuchungen zur Streuzersetzung.
Langfristiges Ziel des Netzwerks ist der Aufbau eigenständiger Lokalgruppen an allen Standorten. Mit Unterstützung der Projektkoordination sollen diese Gruppen ihre Untersuchungen selbstständig durchführen, Daten erheben und ihre Ergebnisse mit dem gesamten Netzwerk teilen. Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt ein deutschlandweites Forschungsnetzwerk, das wertvolle Erkenntnisse über die Wirkungen von Agroforstsystemen liefert und gleichzeitig den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis fördert.
Anke Hahn | 09.06.2026
Wie lassen sich Agroforstsysteme auch unter klimatischen Extrembedingungen erfolgreich etablieren? Im dreijährigen Forschungsprojekt Klim-Agrargehölze an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) werden auf Betrieben mit unterschiedlichen Standortbedingungen verschiedene Baumarten, Sorten und Pflanzqualitäten getestet. Ziel ist es, belastbare Empfehlungen für eine klimaresiliente und risikominimierte Gehölzetablierung zu entwickeln und damit die langfristige Leistungsfähigkeit von Agroforstsystemen zu stärken. Wir wollten mehr über das Projekt wissen und haben mit Leonie Steinherr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Agrarökologie und nachhaltige Anbausysteme an der HNEE, gesprochen.
Was hat euch dazu bewegt, ein Projekt zur Erforschung von klimaresilienten Baumarten zu beantragen?
Leonie Steinherr: Die HNEE hat 2017 im Löwenberger Land (Brandenburg) ein Agroforstsystem mit verschiedenen Werthölzern als Lehr- und Lernort gepflanzt – unmittelbar vor den extremen Dürrejahren 2018 bis 2022. Viele Bäume hatten in dieser Zeit große Probleme beim Anwachsen, erlitten Trockenschäden oder gingen ein. Ähnliche Beobachtungen haben auch Praktiker:innen an uns herangetragen.
Wenn Betriebe sich bewusst für Agroforst entscheiden, Aufwand und Kosten für Pflanzung und Pflege auf sich nehmen und die Gehölze dann bereits nach ein bis zwei Jahren ausfallen, ist das ein großes Risiko. Genau hier sehen wir Forschungsbedarf: Welche Baumarten kommen mit langanhaltenden Trockenperioden, insbesondere Frühjahrstrockenheit, und den Extrembedingungen auf Ackerstandorten zurecht? Und welchen Einfluss haben Pflanzqualität und Anzuchtverfahren aus der Baumschule? Gerade auf den sandigen Böden Brandenburgs und Sachsen-Anhalts, die Wasser nur schlecht speichern, sind diese Fragen besonders relevant.
Welche Zielgruppen hat das Projekt?
Leonie: Wir richten uns an landwirtschaftliche Praktiker:innen, Agroforstinteressierte, Berater:innen und das Baumschulwesen. Anhand der Untersuchungen im Projekt möchten wir Erkenntnisse für die erfolgreiche Etablierung von Gehölzen im Agroforst gewinnen – mit dauerhaft gesunden Beständen, stabilen Zuwächsen und möglichst wenig Nachpflanzungen.
Für Betriebe bedeutet das eine bessere Planbarkeit und geringere Ausfallrisiken. Für Baumschulen stellt sich die Frage, wie unter Marktbedingungen robuste Jungbäume mit möglichst intaktem Wurzelsystem erzeugt werden können. Hier wollen wir untersuchen, welche Anzuchtverfahren sich in der Praxis bewähren.
Welche Standorte habt ihr für eure Versuchspflanzungen ausgewählt und warum?
Leonie: Wir arbeiten bei den Praxisversuchen mit drei landwirtschaftlichen Betrieben zusammen. Deren Flächen liegen alle im ostdeutschen Trockengebiet mit weniger als 600 mm Jahresniederschlag, unterscheiden sich aber deutlich in ihren Bodenverhältnissen. Dadurch können wir unsere Ergebnisse unter sehr unterschiedlichen Standortbedingungen vergleichen. Unsere Partner sind: Biohof Kepos (Heinrichsfelde/Rheinsberg, sandiger Lehm, 35–40 Bodenpunkte), Warnke Agrar (Cobbel/Altmark, steinreiche Sandböden, 18–30 Bodenpunkte), Sonnengut Gerster (Dietrichsroda, Burgenlandkreis, Lehm/Löss, 65–70 Bodenpunkte).
Mit Hilfe welcher partizipativen Formate bindet ihr Landwirtinnen und Landwirte in das Projekt mit ein? Was nehmen diese daraus mit?
Leonie: Die Projektumsetzung findet in enger Zusammenarbeit zwischen Hochschule und den drei kooperierenden Betrieben statt. Alle wissenschaftlichen Versuche finden unter realen Bewirtschaftungsbedingungen nach dem Reallabor-Ansatz statt Das ist methodisch anspruchsvoll, weil in der on-farm-Forschung viele Einflussfaktoren weniger kontrollierbar sind. Gleichzeitig macht genau das die Ergebnisse besonders praxisnah und gut auf andere Betriebe übertragbar.
Bereits in der Planungsphase war der Austausch mit Praktiker:innen zentral. Vor Beginn der Versuche haben wir eine ausführliche Umfrage unter Höfen in Ostdeutschland durchgeführt, die unsere Zielbaumarten – Walnuss, Esskastanie und Maulbeere – bereits im Agroforstsystem gepflanzt hatten. Dabei ging es um Erfahrungen bei Etablierung, Pflanzung und Pflege. Diese Rückmeldungen sind direkt in die Versuchsplanung eingeflossen und werden zusätzlich in einem Leitfaden für andere Betriebe aufbereitet.
Die Projektergebnisse fließen kontinuierlich in Lehre und Praxistransfer ein. Erste Erfahrungen zum Walnussanbau in Ostdeutschland konnten wir beispielsweise bereits auf der Walnusstagung 2026 mit Praktiker:innen diskutieren. Ergänzend haben wir zur Pflanzung ein Video erstellt, das wichtige Erkenntnisse zur fachgerechten Etablierung junger Gehölze bündelt. Ziel ist es, Betrieben konkrete und anwendbare Erkenntnisse an die Hand zu geben, damit zukünftige Pflanzungen robuster geplant werden können und Ausfälle möglichst reduziert werden.
Ihr befindet euch gerade noch in der ersten Hälfte der Projektlaufzeit. Gibt es schon erste Erkenntnisse zur erfolgreichen Gehölzetablierung und optimalen Gesundheit der Pflanzbestände, die ihr gewinnen konntet? Was müssen Landwirt:innen konkret beachten, wenn Sie klimarobuste Agroforstsysteme etablieren möchten?
Leonie: Wir erforschen drei Arten, die sich vorab als spannende Kandidaten für klimarobuste Gehölze herausgestellt haben: die Walnuss, die Maulbeere und die Esskastanie. Erste Ergebnisse der Umfrage mit 19 Agroforstbetrieben aus Ostdeutschland ergaben, dass die Walnuss trotz trockener Jahre überwiegend sehr gut angewachsen ist. Wir sind gespannt, ob sich das auch bei unseren Praxisversuchen bewährt. Die Esskastanie ist anspruchsvoller, bspw. was den pH-Wert des Bodens angeht. Außerdem ist ein passender Schutz vor Verbiss, Fegeschäden und Wühlmäusen oftmals entscheidend.
Daneben spielt die Pflanzqualität – insbesondere die Wurzelentwicklung junger Gehölze – eine zentrale Rolle. Deshalb vergleichen wir aktuell wurzelnackte Ware, Topfware und Airpruning-Ware (Luftwurzelschnitt). Unsere Hypothese ist, dass im Airpruning angezogene Bäume weniger Wurzelschäden aufweisen und dadurch besser anwachsen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.
Was können Politik und Verwaltung vor dem Hintergrund einer stärkeren Förderung von Agroforstwirtschaft als Klimainstrument von eurem Projekt lernen?
Leonie: Der Klimawandel erfordert ein Umdenken in der Landschaftsgestaltung. Längere Trockenphasen und zunehmende Extremwetterereignisse zeigen, dass strukturreiche Agrarlandschaften wieder wichtiger werden. Agroforst kann hier einen wichtigen Beitrag leisten – etwa durch Schutzwirkungen, Mikroklimaeffekte und langfristig resilientere Produktionssysteme.
Gleichzeitig braucht es mehr Forschung und Praxiserfahrungen: Welche Baumarten funktionieren unter Trockenstress? Welche Anzuchtmethoden bewähren sich? Politik und Verwaltung können dazu beitragen, indem sie Agroforstsysteme unbürokratischer fördern und Forschungs-, Beratungs- sowie Wissenstransferstrukturen langfristig stärken.
Kontakt: Leonie Steinherr, leonie.steinherr(at)hnee.de
Aktuell gibt es im Projekt zwei Bachelor- oder Masterarbeiten zu vergeben zur Wirtschaftlichkeit von Agroforstsystemen mit Nussgehölzen und zum Anwuchserfolg von Maulbeerbäumen – mehr Info gibt es HIER.
Julia Günzel | 05.06.2026
Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft gilt die Agroforstwirtschaft mittlerweile als ein integraler Bestandteil. Beim Tag der Landwirtschaft des Landkreises Lippe, der am 30. Mai 2026 in Lage stattfand, zeigte sich das unter anderem durch einen öffentlichkeitswirksamen und interaktiven Infostand auf dem Marktplatz.
Gemeinsam mit dem Agroforstbetrieb Bio Hof Brinkmann und der SoLaWi Ackervielfalt bot der DeFAF verschiedenste Formate für Jung und Alt: Neben diversen thematischen Infomaterialien gab es auch Kinder- und Ausmalbücher. Ein Highlight war die Agroforst-Rallye von der SoLaWi Ackervielfalt, die zu mehreren Stationen auf dem Marktgelände führte und dort über verschiedene Aspekte der Agroforstwirtschaft aufklärte. Als kleine Belohnung gab es ein Agroforst-Eis, das aus Obst aus dem Agroforstsystem der SoLaWi hergestellt wurde.
In Nordrhein-Westfalen nimmt das Interesse an der Agroforstwirtschaft zu. Mittlerweile gibt es mindestens 28 Systeme und der DeFAF sowie auch andere Initiativen wie das Agroforst-Netzwerk NRW setzen sich auf verschiedensten Ebenen für mehr Bäume in der Landwirtschaft ein. Im Projekt EELAP wird derzeit verstärkt daran gearbeitet, an bereits erfolgreiche Beispiele für die Umsetzung anzuknüpfen, Erfolgsfaktoren aufzuzeigen und so mehr Agroforstwirtschaft in die Fläche zu bringen – der Austausch mit regionalen Akteuren und Menschen vor Ort ist hierfür ein wichtiger Schritt.






